Eine Geschichte über Leidenschaft

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Was ist Leidenschaft? Darüber begann ich nachzudenken, als mir die unterschiedlichsten Menschen immer wieder dieselbe Frage stellten: „Lohnt es sich?“ Nach kurzer Zeit gewöhnte ich mir an, stets dieselbe Gegenfrage zu stellen: „Was bedeutet für dich ,lohnen’?“ Natürlich zielte die Frage bei 99 Prozent der Menschen auf Geld – schnöden Mammon – ab. Denn für viele Menschen steht das Wort „lohnen“ gleichbedeutend mit dem puren Sinn nach Geld; möglichst viel Geld.

Vor ein paar Wochen saß ich mit Freunden beim Essen und irgendwann kam das Gespräch auf mein Unternehmen Schwarze Kiste. Nach den üblichen Beglückwünschungen zu meinem Aufstieg kamen wir dann schnell wieder auf das Thema „Geld“ zu sprechen. Mein Gesprächspartner war ebenfalls aus der Branche und erzählte mir stolz, wie sozial sein Unternehmen sei, wie gut er seine Angestellten bezahle, was er sich selbst am Jahresende trotz dieser Ausrichtung aus dem Betrieb herausnehmen könne. Ich erwiderte ihm nur trocken, mich interessierten seine Ausführungen nicht im Geringsten. Für mich sei es uninteressant, wie viel Geld er aus seinem Unternehmen beziehen könne. Mein Unternehmen bedeutet für mich Leidenschaft. Diese Empfindung, die er vielleicht nicht kenne, sei ein Glück, das mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen sei. Klar, es sei hart, an den Erfolg zu glauben. Wir seien eben immer noch ein Startup, das sich erst über Jahre zu einem standfesten Unternehmen entwickeln müsse. Doch ich sei davon überzeugt, dass sich dieser Einsatz lohne. Und so ginge es auch vielen meiner Mitstreiter. Menschen, die jeden Tag hart für die Sache arbeiten, die daran glauben und lieber auf Status und das damit verbundene Geld verzichten, weil sie schlichtweg bei diesem spannenden Projekt „Schwarze Kiste“ dabei sein wollen. Sie alle haben eine völlig andere Motivation für Arbeit. Eine Motivation, die mein Gesprächspartner so nicht kannte …

Dies ist nur eine kleine Geschichte, die mir in den letzten Jahren begegnet ist und mir zeigte, wie sehr in unserer Gesellschaft die Motivation zur Arbeit mit dem blanken Verdienst verknüpft ist und wie eng die Definition von Erfolg mit Geld in Verbindung steht. Etwas aus purer Leidenschaft jeden Tag mit vollem Elan anzugehen, interessiert viele Menschen nicht. Für sie muss klar sein, welcher Verdienst dabei möglich ist, man habe schließlich seinen Marktwert. Man habe sich ja über Jahre hinweg geschunden, um diese oder jene Ausbildung, diesen oder jenen Lebenslauf vorweisen zu können. Da sei es doch nur recht und billig, wenn man sich nicht unter Wert verkaufen wolle.

Ein erfolgreiches Startup benötigt bedingungslose Leidenschaft

Ich kann diese Argumentation verstehen. Wenn du jedoch ein Startup gründen möchtest, solltest du den Gedanken ans schnelle Geld Verdienen direkt über Bord werfen. Selbstverständlich gründet niemand auf der Welt ein Unternehmen mit dem Ziel, niemals erfolgreich (auch monetär) zu sein. Doch die erste Intention bei der Gründung darf nicht das Geld sein. Es muss die Leidenschaft für die Idee sein. Nur dann, wenn man für die Idee, mit der man sich selbständig machen möchte, die Leidenschaft besitzt, lässt sich die Kraftanstrengung einer Startup-Gründung aushalten. Nur die Leidenschaft vermittelt einem die Bedingungslosigkeit, oft über Jahre am Existenzminimum zu krebsen; ohne die Aussicht auf Besserung. Allein der Glaube und die Leidenschaft halten einen an diesem Punkt noch auf dem Weg …

…besitzt du diese Leidenschaft nicht, ist der feste Job wie die Schlange, die einen zu Übeltaten verführen möchte. Gute Ausbildung => festes Gehalt, 30 Tage Urlaub, Überstundenabbau, 36-Stunden-Woche: die imaginäre Sicherheit! Es sind Argumente, die nur die Leidenschaft für die eigene Idee außer Kraft setzen.

Immer wieder wirst du an diesen Punkt gelangen, wenn du dich ersthaft mit Selbständigkeit beschäftigst. Leidenschaft ist mit nichts aufzuwiegen. Das Gefühl, für etwas zu brennen, koste es was es wolle, ist die unmittelbarste Art, das Leben intensiv zu spüren. Spürst du dieses Gefühl bei deiner Idee nicht, hinterfrage ernsthaft, ob es der richtige Weg für dich ist.

Selbstvertrauen in die eigene Idee ist das Wichtigste

Denn ich kann dir versichern: Sich lediglich aus der Hoffnung auf einen schnellen materiellen Aufstieg selbständig machen zu wollen, wird in der Regel scheitern. Natürlich gibt es Beispiele wie „Instagram“ oder andere High Flyer Startups, bei denen sich der Erfolg rasend schnell eingestellt hat. Doch auch bei diesem Vorzeigeprojekt wird es elende Durststrecken gegeben haben, die eine Startup-Gründung zwangsläufig mit sich bringt. Sollte hier die Leidenschaft für das Projekt fehlen, ist es vorbei. Du wirst den Punch nicht aufbringen, kurz vor dem K.O. nochmals zurückzukommen und den Kampf für dich zu entscheiden, obwohl seit der ersten Runde keiner eine Kröte auf dich gesetzt hat. Gelingt es dir in dieser Phase, standhaft zu bleiben, lässt sich jede kleine Schlacht gewinnen. Glaubst du weiter an dich, wird sich das Blatt wenden. Es stellt sich eine Erfüllung ein, ein Selbstverständnis, das man nicht bezahlen kann. Man fühlt sich bestätigt, überwältigt, seine Idee durchgesetzt zu haben, etwas Eigenes auf der Welt geschaffen zu haben.

Um dieses Gefühl erleben zu dürfen, bin ich überzeugt davon, es selbst schaffen zu müssen. Dann ist es einem etwas wert. Unternehmensgründung bedeutet Arbeit, es bedeutet harte Arbeit. Es bedeutet Verzicht. Es bedeutet Bedingungslosigkeit. Es bedeutet Durchhaltevermögen. Es bedeutet Cleverness. Man muss sich aufopfern für seine Idee. Kurz gesagt: Man muss vor Leidenschaft brennen.

Venture Capital – anabole Steroide für junge Unternehmen

Die Schwarze Kiste ist auf purer Leidenschaft aufgebaut. Fast alles haben wir uns selbst erarbeitet. Stunden, Tage, Monate haben wir an der Kiste verbracht, haben uns das Hirn zerbrochen, geredet, geschwitzt, gearbeitet, um unseren Traum von der guten Gastronomie leben zu dürfen. Wir hätten es auch einfacher haben können: mit mehr Geld. Mit Geld lässt sich vieles von dem, was wir in harter Eigenregie an Problemen lösen mussten in den vergangenen drei Jahren, wesentlich einfacher lösen. Doch ist es der Weg, den man gehen will? Ist es der Weg, der einen glücklich macht? Kann man seine eigene Erfüllung finden, wenn man „sein“ Unternehmen von Kapitalgebern zerpflücken lässt? Möchte man sich als erwachsener Mensch stets von seinen Eltern in sein Leben reden lassen? Ich denke nicht! Deswegen wollte ich auch niemals, dass in den Anfängen der Schwarzen Kiste eine Venture Capital-Gesellschaft das Heft in die Hand nimmt, auch wenn so der Weg wesentlich einfacher gewesen wäre.

Für mich sind die Mehrzahl der Risikokapitalgeber legale Drogendealer. Ein durch Venture Capital finanziertes Unternehmen vergleiche ich mit einem Muskel, der mit anabolen Steroiden künstlich auf rapides Wachstum gezüchtet wird. In einem Unternehmen mit Venture Capital ist eine gesunde Entwicklung schwierig. Die Investoren sind meist sehr schnell auf einen Return on Invest aus. Der Buy Out von Venture Capital Geldgebern ist oftmals nach wenigen Jahren geplant – natürlich mit einer absurden Rendite. Gesundes Wachstum nach dem Vorbild des ehrbaren Kaufmanns ist mit diesem Geschäftsmodell meiner Ansicht nach nicht möglich. Deswegen gebe ich jedem Startup-Interessierten den Rat, die Finger von Venture Capital zu lassen. Vorausgesetzt man möchte sich die Eigenständigkeit über sein Handeln bewahren.

Eigenständigkeit – weit mehr wert als schnöder Mammon

Denn Eigenständigkeit ist der größte Lohn, den du in deinem Leben ergattern kannst. Wenn du dir das erste Mal den Luxus leisten kannst zu sagen, dass du für dich selbst ohne Zwang sondern aus Eigenmotivation jeden Tag arbeitest, ist es wohl die größte Erfüllung, die du in deinem Leben erreichen kannst. Ich weiß, es hört sich komisch an, doch Geld tritt dabei völlig in den Hintergrund. Es ist zudem nicht mehr entscheidend, wie viele Stunden man in der Woche arbeitet. Alles ist egal.

Das macht es auch so schwierig, zu erklären, warum man auf die Frage „Lohnt es sich.“ eigentlich keine Antwort geben kann, die der Gegenüber erwartet. Denn objektiv ist es natürlich schwachsinnig, für etwas zu kämpfen, das wie die Leidenschaft nicht einmal greifbar ist. Auch wenn du in einem durchschnittlichen Anstellungsverhältnis jeden Tag dein Leben fristest, eigentlich mit deinem Job unzufrieden bist, ihn nur noch zum Geld verdienen ausübst, wird es schwer, die Ambition eines leidenschaftlich Selbständigen nachfühlen zu können. Vielleicht ist es mit einer höheren Macht zu erklären, die mich infiziert hat – auch wenn das nun sehr ins Esoterische geht.

Das Schöne ist, seitdem ich leidenschaftlich meinem Lebenswerk nachgehe, immer mehr Menschen begegnen zu dürfen, die ebenso für ihre Idee brennen. Ich spüre aktuell eine Bewegung bei vielen Menschen, die nicht mehr zufrieden mit dem vorgezeichneten Alltag sind. Sie wollen mehr – aus Überzeugung. Sie wollen etwas bewirken in ihrem Leben, damit sie irgendwann sagen können: „Mein Leben ergibt Sinn.“

Die Besinnung auf das Wesentliche

Ein Unternehmen zu gründen und langsam damit krabbeln zu lernen, dann laufen, dann irgendwann fliegen, ist ein Gefühl, das kein Geld der Welt geben kann. In einem Team etwas zu schaffen, wovon niemand erwartet hätte, dass es passiert, schweißt für ein Leben zusammen. Es ist eine Dynamik, die man erst in der Rückblende wahrnimmt. Denn während dieser Zeit fühlt es sich an wie ein nimmer aufhörender Rausch. Und irgendwann ist diese Phase wie bei zwei Verliebten vorbei, dann wacht man auf in einer Realität, die Unternehmen heißt. Von da an gilt es, zu konsolidieren, die Leidenschaft zu konservieren, da sie auf viele Arten und Weisen beschädigt wird.

Und sollte die Leidenschaft einmal abhanden kommen, weil das Startup so an den Kräften gezehrt hat, dass man den Spaß, das Wesentliche, aus den Augen verliert. Dann ist es wichtig, sich in Ruhe wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Erst, wenn man wieder zum Kern zurückkehrt, wird man in Glückseligkeit die Power aufbringen, das Unternehmen weiterzuführen.

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Über den Autor:

Sebastian Hrabak ist Gründer und Kopf der Schwarzen Kiste. Der 33-jährige fand nach seinem Abschluss als Sportwissenschaftler an der Universität Augsburg und einem Volontariat auf der Günter-Holland-Journalistenschule der Augsburger Allgemeinen seine wahre Passion: das Kaffeemachen. Seither unterhält der Chef der Schwarzen Kiste auf seiner Homepage mit Texten über das Geschehen in seinen Läden, interessanten Themen, auf die er zufällig stößt oder Ärgernisse, die ihm in seinem Business oder im Alltag widerfahren...

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